„Wir wissen seit Jahren, was zu tun ist. Jetzt müssen wir es endlich tun.“

Am 8. September wurden die Ergebnisse der PISA-Studie 2026 veröffentlicht. Das Ergebnis für Deutschland: In Mathematik, Lesen und Naturwissenschaften erreichen 15-Jährige die niedrigsten Werte seit Beginn der Erhebungen. Ein Drittel der Schülerinnen und Schüler verfügt über keine grundlegenden Basiskompetenzen mehr. Und wieder zeigt sich: Der Bildungserfolg von Kindern hängt in Deutschland stark von ihrer sozialen Herkunft ab. Eine Woche nach Veröffentlichung der Studie haben wir Prof. Dr. Stefan Faas, wissenschaftlicher Vorstand der pädquis Stiftung, gefragt, wie er die Ergebnisse und die Reaktion darauf einordnet.

 

Die Ergebnisse der PISA-Studie 2026 sind vor einer Woche veröffentlicht worden. Der Aufschrei war gefühlt relativ klein und kurz. Warum?

Das Ergebnis überrascht mich nicht – und ich glaube, das ist auch der Grund, warum der Aufschrei diesmal so klein geblieben ist. Wir haben mittlerweile eine gewisse Routine. Die Zahlen reihen sich ein in das, was wir aus dem IQB-Bildungstrend, dem Bildungsbericht der Bundesregierung vom Sommer und anderen Studien schon wissen: Die Bildungsschere geht früh auseinander – und schließt sich später nicht mehr. Was in der Kita und in der Familie nicht passiert, holt die Grundschule nicht auf. Und die weiterführende Schule auch nicht.

Was mich wirklich irritiert, ist nicht das Ergebnis, sondern die Diskussion danach. Wir drehen uns im Kreis. Immer wieder dieselben Reflexe, immer wieder dieselben Gegenargumente. Irgendwann versandet es – und dann passiert nichts.

 

Was müsste passieren, damit sich diesmal wirklich etwas verändert?

Wir wissen eigentlich, was zu tun ist. Das ist das Frustrierende. Wir brauchen ein konsequentes Monitoring der Prozessqualität in Kitas – und zwar bundesweit. Seit der NUBBEK-Studie 2013 haben wir keine repräsentativen Daten mehr darüber, wie gut die pädagogische Qualität in deutschen Kitas wirklich ist. Das sind 13 Jahre, in denen wir uns geleistet haben, es nicht zu wissen. Dabei kann die Kita dazu beitragen, dass die Bildungsschere kleiner wird – aber nur mit hoher Qualität. Und die haben wir nicht flächendeckend.

Das Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz geht da in die richtige Richtung: früher hingucken, früher fördern, Kinder mit Sprachförderbedarf frühzeitig identifizieren. Es soll 2027 schrittweise in Kraft treten, damit Länder, Kommunen und Träger Zeit haben, die Vorgaben umzusetzen. Aber es wird schon wieder zerredet, bevor es überhaupt in Kraft getreten ist. Das kennen wir schon. Aber diesmal ist nicht mehr die Zeit für routinemäßige Debatten. Wir müssen endlich umsetzen, was wir wissen.

 

Bundesministerin Prien hat nach Bekanntwerden der Ergebnisse die Eltern in die Mitverantwortung genommen – und dafür Kritik bekommen. Zu Recht?

Ich würde sie dafür nicht kritisieren. Wir wissen aus der Forschung, dass der größte Einfluss auf die Entwicklung von Kindern nach wie vor von der Familie ausgeht. Interessen, Motivation und Lernpotentiale fallen nicht vom Himmel – sie werden schon früh im familiären Kontext angelegt, dort weiter gefördert oder eben nicht gefördert. Das lässt sich nicht wegdiskutieren.

Aber wir müssen aufpassen, dass wir daraus nicht einfache Schuldzuweisungen machen. Elternsein ist komplexer geworden. Früher haben Kinder draußen gespielt, wenn die Eltern keine Zeit hatten – heute sitzen sie am Smartphone. Das ist nicht automatisch schlechtes Elternsein, das ist eine veränderte Lebenswelt. Bestimmte Eltern brauchen Unterstützung, nicht Verurteilung. Und die Kita hat den gesetzlichen Auftrag, genau diese Unterstützung anzubieten. Viele nehmen ihn noch nicht ausreichend wahr. Auch das ist ein Qualitätsthema.

Und in diesem Zusammenhang möchte ich noch einen Aspekt nennen, der in der PISA-Debatte kaum vorkommt: Medienbildung. Kinder wachsen heute von Anfang an mit dem Smartphone auf. Wir diskutieren über Verbote und Altersgrenzen, aber das reicht nicht. Medienbildung ist ein Bildungsauftrag, und er muss früh beginnen. In der Kita, möglichst mit den Eltern. Es geht nicht darum, Kindern das Handy zu verbieten, sondern darum, ihnen zu zeigen beziehungsweise in der frühen Kindheit anzubahnen, wie man es selbstbestimmt und verantwortungsvoll nutzt. Das ist Teil der Lebenswelt der Kinder – und der Kindergarten hat immer den Auftrag gehabt, von dieser Lebenswelt auszugehen.

 

Was macht Ihnen trotz der Herausforderungen Hoffnung?

Wenn wir das umsetzen, was in den letzten Monaten erarbeitet und diskutiert wurde, kommen wir ein Stück weiter. Den bildungsökonomischen Nutzen früher Investitionen kennen wir. Kinder, die mit sechs Jahren fehlende Kompetenzen haben, holen dies oft nicht mehr auf. Manchmal reicht es nicht einmal zum Schulabschluss. Das ist keine Prognose – das ist ein Befund. Und er zeigt: Nichts ist teurer als frühe Bildung, in die wir nicht investieren. Jedes Jahr, das wir verlieren, ist ein Jahr im Leben eines Kindes.