„Kein Grund zur Überraschung“
Stefan Faas über das UNICEF-Zeugnis für Deutschland – und warum die ersten sechs Lebensjahre über Bildungsbiografien entscheiden.
Die neue UNICEF-Studie zum Kindeswohl bescheinigt Deutschland Platz 25 von 37 – im Bildungsbereich sogar Platz 34 von 41. Stefan Faas, wissenschaftlicher Leiter der pädquis Stiftung, ordnet die Ergebnisse ein: Was steckt hinter den Zahlen? Und wo muss Deutschland dringend umdenken?
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Die UNICEF-Studie ist erschienen – Deutschland landet erneut im unteren Mittelfeld. Wie haben Sie die Ergebnisse aufgenommen?
Ehrlich gesagt war ich nicht überrascht. Ich wäre eher verwundert gewesen, wenn die Ergebnisse anders ausgefallen wären. Wir haben aktuell in Deutschland ein gesellschaftliches Klima, das Familien, Bildungseinrichtungen und Kinder unter erheblichen Druck setzt. Und wir haben immer noch ein System, in dem Bildungschancen stark von familialen Ressourcen abhängen. Wo diese Ressourcen fehlen, können Herausforderungen schlechter bewältigt werden. Das liegt auf der Hand. Andere Länder machen das besser – sie unterstützen Familien stärker, haben mehr Angebote und haben die öffentliche Verantwortung für das Aufwachsen von Kindern strukturell fester verankert.
Die Studie schaut vor allem auf 15-Jährige. pädquis arbeitet mit Kindern zwischen 0 und 6 Jahren. Liegt der eigentliche Hebel schon so früh?
Ja, davon bin ich überzeugt. Die ersten Lebensjahre sind entscheidend – nicht nur für die Bildungsentwicklung der Kinder, sondern auch für die Unterstützung der Familien. Nehmen wir das Beispiel Sprache: Ein Kind eignet sich Sprache nicht im Unterricht an, sondern nebenbei – im Alltag, in der Familie, in der Kita. Es lernt durch gute Sprachvorbilder, durch Erwachsene, die zuhören, Fragen stellen, den Wortschatz erweitern. Ob ein Kind mit zwei Jahren sein erstes Buch bekommt, ob ihm vorgelesen wird, ob Neugier auf Lesen früh geweckt wird – das entsteht nicht in der Grundschule. Es entsteht jetzt.
Dasselbe gilt für kognitive Fähigkeiten, für ein erstes Verständnis von Mengen und Zahlen, für sozial-emotionale Kompetenzen und für etwas so Grundlegendes wie Selbstregulation: an einer Aufgabe dranzubleiben, es noch einmal zu versuchen. All das wird in diesen frühen Jahren vorgelebt und erfahren – oder eben nicht.
Wenn Kinder dann mit sechs Jahren in die Schule kommen, bringen sie sehr unterschiedliche Voraussetzungen mit. Und wir antworten darauf meist mit einem Klassenunterricht, der sich an die Mehrheit richtet. Was vorher nicht gelernt wurde, wird danach selten aufgeholt.
Das macht die Schere zwischen benachteiligten und privilegierten Kindern verständlich. Die Studie zeigt: 46 Prozent der Kinder aus einkommensschwachen Familien erreichen Mindestkompetenzen in Lesen und Mathematik – bei privilegierten Kindern sind es 90 Prozent. Kann gute Kita-Qualität diesen Unterschied ausgleichen?
Sie ist die Grundvoraussetzung dafür. Prozessqualität bedeutet konkret: Jede Fachkraft spricht jeden Tag mit jedem Kind. Jedes Kind wird jeden Tag zum Nachdenken angeregt, zum Fragen, zum Erzählen. Es wird vorgelesen – nicht für manche Kinder, sondern für alle, jeden Tag. Das klingt einfach. Aber es ist nicht selbstverständlich – und es macht einen enormen Unterschied.
Darüber hinaus müssen wir differenzieren: Es gibt Sprachbildung, die jede Kita für alle Kinder leisten sollte. Es gibt Sprachförderung für Kinder mit besonderem Bedarf. Und es gibt Sprachtherapie, die außerhalb der Kita stattfindet – aber die Kita sollte Eltern aktiv dabei begleiten, dieses Angebot in Anspruch zu nehmen. Eine gute Kita übernimmt hier auch eine Lotsenfunktion: Sie erkennt, welche Kinder mehr Unterstützung brauchen, und sie unterstützt dabei, zusätzliche Ressourcen zu aktivieren.
Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Ein Kind kommt mit einem oder zwei Jahren aus dem Ausland zu uns. Die Eltern sprechen kein Deutsch. Wenn dieses Kind in der Kita keine Chance bekommt, die Sprache zu lernen – weil nicht gezielt, ausreichend und regelmäßig mit ihm gesprochen wird – dann ist die Bildungsbiografie früh vorgezeichnet. Das wird in der Grundschule nicht mehr aufgeholt. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe, die wir haben – und die wir durch gute Prozessqualität in Kitas erfüllen könnten.
UNICEF empfiehlt ausdrücklich ein besseres Monitoring. Das ist auch eine Kernforderung von pädquis. Warum wissen wir eigentlich so wenig über das, was in deutschen Kitas täglich passiert?
Weil wir bisher vor allem auf den Input schauen: Wir erstellen neue Bildungspläne, wir schauen auf den Personalschlüssel, wir prüfen räumliche und materielle Ausstattung – und hoffen, dass es dann besser wird. Das ist Inputsteuerung. Was wir kaum machen, ist Outputsteuerung: zu beobachten, was tatsächlich in der Kita passiert, wie gut die Qualität ist, was ankommt.
Ein Beispiel aus einem aktuellen Forschungs- und Entwicklungsprojekt: In vielen Bundesländern wurden Initiativen eingeführt, damit Fachkräfte regelmäßig Sprachstandserhebungen bei Kindern durchführen. Das ist gut und richtig. Aber wir haben festgestellt: In der Praxis werden diese Verfahren oft nicht korrekt angewendet. Die Fachkräfte sind damit zum Teil überfordert. Das sieht man aber nur, wenn man hinschaut. Wenn man nur prüft, ob das Verfahren eingeführt wurde, hat man das Gefühl, alles sei in Ordnung.
Das zeigt: Allein das Einführen einer Maßnahme reicht nicht. Wir müssen beobachten, was daraus folgt – ob die Interaktion mit den Kindern tatsächlich besser wird. Genau dafür brauchen wir ein systematisches Prozessmonitoring. Nicht als Kontrollinstrument für Fachkräfte, sondern als Unterstützung: um zu sehen, wo Kitas Hilfe brauchen – und ihnen dann gezielt diese Hilfe zu geben.
Was muss politisch passieren – konkret und dringend?
Wir brauchen bundesweite Standards – zumindest in zentralen Bereichen wie sprachlicher Förderung, kognitiver Anregung und Familienunterstützung. Und wir brauchen ein verbindliches Verfahren, das sicherstellt, dass diese Standards auch eingehalten werden.
Das ist im aktuellen politischen Diskurs schwierig, weil es tief in gewachsene Strukturen eingreift: Träger sind in Deutschland traditionell frei in ihrer pädagogischen Ausrichtung, das Subsidiaritätsprinzip und die Trägerhoheit haben eine lange Geschichte und ihre Berechtigung. Aber wir sollten ehrlicher darüber reden, dass dieses System auch Grenzen hat – gerade was einheitliche Qualitätssteuerung angeht. Diese Debatte wird oft durch Partikularinteressen überlagert, ohne dass wir das Problem offen aussprechen.
Ich wünsche mir außerdem einen längeren politischen Atem. Wir brauchen so etwas wie einen gesellschaftlichen Konsens für die nächsten 15 Jahre – einen, der über einzelne Legislaturperioden hinausgeht. Gute Impulse gibt es. Aber sie verfangen sich zu oft in kurzfristiger politischer Logik.
Was gibt Ihnen Hoffnung?
Es gibt gute Signale – aus einzelnen Bundesländern, aber auch auf Bundesebene. Das Bundesfamilienministerium rückt das Thema stärker in den Vordergrund, und das ist wichtig. Ich möchte das nicht kleinreden.
Aber ich wäre unehrlich, wenn ich sagte, ich sei uneingeschränkt optimistisch. Das ist ein sehr dickes Brett. Familien sind unter Druck, Kitas sind unter Druck, die Politik ist unter Druck. Große Schritte zu machen, wenn alle Beteiligten unter Druck stehen – das ist schwer. Aber es ist notwendig. Und ich glaube, wir wissen eigentlich längst, was zu tun wäre.
Stefan Faas ist wissenschaftlicher Leiter der pädquis Stiftung, die sich seit über 25 Jahren für Qualität in der frühkindlichen Bildung einsetzt. pädquis forscht, entwickelt Qualifizierungsprogramme für Fachkräfte und setzt sich für ein bundesweites Monitoring der Prozessqualität in Kitas ein.